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SCHULE

 

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Was ist Schule denn anderes, als eine Institution, um Menschen gesellschaftlich einzuordnen, ihnen ihren Stempel aufzudrücken? Ist doch so: Jemand von der Hauptschule wird sich nie den selben gesellschaftlichen Stand ehrlich erarbeiten können, wie beispielsweise jemand vom Gymnasium. Menschen, die sogar gänzlich „Nein“ zur Schule sagen, werden von der Gesellschaft ganz einfach als Restware ausgestoßen und landen ganz hinten in einem Regal voller potentieller Arbeitnehmer, aus der sich der dicke Konzernchef die Besten aussuchen kann.

Aber um den Erwartungen gerecht zu werden, tun die jungen Menschen so, als seien sie auf das System hereingefallen, frei nach dem Motto „Wenn sie mich alle das würden, was sie mich könnten, käme ich gar nicht mehr zum Sitzen“, folgen dem schnöden Alltagstrott in eine graue Welt, in der jede rosarote Brille ihren Geist aufgibt.

Auch ich begab mich einstmals für einen einzelnen Tag in die Schule, um mich dort mal umzu-hören und zu sehen: Wie ist es da überhaupt? Es war schrecklich. Zusammen mit etwas über zwei Dutzend anderen sogenannten „Schülern“ hatte ich sechsmal fünfundvierzig Minuten Unterricht, vier Einzel- und eine Doppelstunde. Da ich nicht wußte, wohin, schloß ich einfach mit einer dieser bedauernswerten Kreaturen Freundschaft und hängte mich an dessen Fersen.

Ich kam zusammen mit ihm in einen Raum, angefüllt mit eben oben angesprochenen Kreaturen. Alle „Schüler“ saßen auf ungemütlichen und vom gesundheitlichen Blickwinkel aus wahrscheinlich als „unzureichend“ zu benotenden Stühlen hinter wenig großen Tischen, die das Ambiente des Hin-terteils einer Ostfriesischen Milchkuh ausstrahlten. Vor der „Klasse“, wie man dieses Schülerkollektiv in Fachkreisen nennt, stand ein fusselbärtiger, mit seinen dürren Ärmchen furchterregender sogenannter „Lehrkörper“ (oder eher „Leerkörper“?), der die Klasse unterrichtete. Das Fach nannte er zum Anfang der Stunde hin „Deutsch“. Was sollte ich in einem Deutsch-Unterricht, wo ich diese Sprache doch schon beherrschte? Na gut, sagte ich mir: Laß es über dich ergehen...

Der Lehrer war mehr so der Typ Menschenfreund, eine vom Aussterben bedrohte Abart des „Homo Lehrabilis“. Er versuchte, in möglichst kurzer Zeit möglichst viel Lernstoff in die Schüler zu stecken, wobei er aber auch immer eine humane Seite berücksichtigte, die sich wie folgt äußerte: Er sieht sich als eine Art Menschengärtner - leider muß auch dieser Lehrer die Schüler wie Bäumchen im Spaliergarten verbiegen, versucht dies aber möglichst behutsam zu handhaben. Er hatte kaum Charisma, dafür aber umso mehr - vielleicht sogar zu viel? - Charme (zumindest, wenn „Charme“ der Name seines Duftwassers ist).

In der zweiten Stunde hatte ich, wie ich von meinem neugewonnenen Freund erfuhr, Mathe. Was das ist, sollte ich schnell erfahren. Vor dem Klassenkollektiv baute sich ein wahres Monstrum von Lehrkörper auf, die Brille war unter den wild wuchernden Augenbrauen kaum mehr zu erkennen und das Kreuz reichte von einer Wand zur anderen. Mit gewaltigem Stimmorgan und wildem Imponiergehabe versuchte uns dieser Lehrer (Kurzform von „Lehrkörper“) davon zu überzeugen, daß irgendwas mal irgendwas was anderes ergibt. Dabei mußte er wenig pädagogisch wertvolle Wege nehmen, bei den nicht begei-sterungsfähigen Jugendlichen von heute: „Stellt euch vor, ihr findet bei euren Eltern eine Video-Kassette mit einem irre brutalen Krimi, der genau anderthalb Stunden dauert. Und dann findet ihr noch eine besonders unappetitliche Gruselfilm-Kassette, die genau 100 Minuten lang ist. Und dann noch eine total eklige Zombie-Kassette mit 95 Minuten Länge. Und eine extrem schweinische Porno-Kassette mit 85 Minuten Spieldauer. Und jetzt meine Frage: Wieviele Minuten müßt ihr hintereinander fernsehen, bis ihr alle 4 Kassetten angesehen habt?“ Ich langweilte mich zu Tode. Als ich diesen Lehrer davon unterrichtete, daß dieser Unterricht mir keinen Spaß bereiten würde und ich lieber „Eckenrechnen“ oder ähnliches spielen würde, stapelte er sich vor mir auf und schrie mich so laut an, ich solle meine Fresse hal-ten, daß meine Trommelfelle noch jetzt vibrieren.

Die dritte und vierte Stunde mußte ich mich der Biologie widmen. Der Bio-Lehrer war der erste, der bemerkte, daß eine Neuer in der Klasse sei - ich. Er war allerdings auch der erste, der die Schüler mit ihrem Namen ansprachen. Der Biolehrer war so eine Art Zombie. Er schlich geisterhaft vor der Tafel hin und her, kramte aus den hintersten Ecken seines von Spinnweben durchzogenen Schädels die aberwitzigsten Formeln und Funktionen und schien mit seinen restlichen Gedanken irgendwo anders zu sein - vielleicht in seiner Gruft?

Die fünfte Stunde war unspektakulärer als alles bisher Gewesene. Es handelte sich dabei um den Unterricht in einer Fremdsprache, ich tippe auf Englisch. Die Lehrerin ließ fünf Minuten die Vokabeln der letzten Stunde wiederholen, dann fünf Minuten eine Geschichte vorlesen und entließ die Schüler dann in die Pause - man würde ihr gewaltig auf den Sack gehen, gab sie an. In der sechsten Stunde hatten wir dann eigentlich Geschichte, jedoch übertrug uns der Lehrer die Aufgabe, irgendein Projekt zu bearbeiten. Das tun Lehrer gerne, wenn ihnen mal keine Idee zur aktiven Unterrichtsgestaltung kommen will oder sie müde sind von der nächtlichen Tennisübertragung. Dann zaubern sie ein gar wunderbar langweiliges methodisch-didaktisches Kaninchen aus ihrem imaginären Pädagogenhut: Das Projekt. Die Schüler dürfen sich ein Thema selbst ausdenken und es frei bearbeiten, während sich der Lehrkörper schnaufend zurücklehnen, ent-pannen kann und lediglich die Verwundeten verarzten muß. Der Arbeitsaufwand des Lehrers sinkt und die Schüler lernen etwas, nämlich das Lernen an sich. Ob der Lehrkörper Schuldgefühle wegen der geringen Arbeitsbelastung hat? Wozu? Andere Leute werden für weniger besser bezahlt.

Ich sagte ihm jedoch, daß ich das Scheiße finde, da ich ein konfliktliebender Mensch bin und für meine große Reportage in VENTIL ja auch mal die Strapazierfähigkeit des durchschnittlichen Pädagogen herausfinden wollte. Er schickte mich daraufhin zum Schulleiter, einem Mann, der sehr viel Bart hat und ebensoviel zu sagen. Und der verwies mich der Schule. Ich gelangte zu der zentralen Aussage meiner Reportage: Jeder Schüler darf seine Meinung frei äußern. Er darf nur nicht erwarten, daß das keine Folgen hat! Abschließen möchte ich diesen Artikel mit einem kleinen Witzchen:

Alle liegen
heute richtig,
nur nicht Oma-
die liegt im Koma.

ICH
HASSE
KONFIRMANDEN [April/Mai 1999]
SCHULE [Juni 1999]
Stand: 6 | 6 | 0 - Kunstschule miraculum -  miraculum@aurich.de