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Da ist mir auch mal was ganz Dummes passiert: Ich saß auf der Empore in unserer Kirche, weil die Kirche proppevoll war - es wurde gerade getauft -, es war Winter und es war arschkalt im Gotteshaus. Ich hatte Halsschmerzen, mußte laufend husten und meine Nase lief wie ein südafrikanischer Gnu-Hirsch. Plötzlich mußte ich mehrmals hintereinander niesen, wobei mir die Soße in Strömen aus der Nase wetzte. Der alte Knacker, der neben mir saß, wurde schon ganz unruhig, während ich händeringend nach einem Taschentuch in meinen Taschen fahndete - und nicht fündig wurde. Nein, ich tat es nicht wie Mr. Bean und entließ den Rotz in meine Jackettasche, zumal ich gar kein Jackett anhatte, sondern mußte mich mit Hand vorm Gesicht à la Michael Jackson ("Eesch leeba oisch aale") bei dem alten Knacker nach einem Taschentuch erkundigen. Er hatte keines. Mittlerweile war schon das Auditorium auf der gesamten Empore auf mich aufmerksam geworden, so daß mich hundert von Augenpaaren anstarrten und ihre Blicke schossen gleißenden Haß in meine Richtung. Und so beeilte ich mich, mit Hand vorm Gesicht, aus der Kirche zu kommen. Die Frau, die immer mit dem Klingelbeutel rumgeht, wollte mich zurückhalten und riß ein etwa kopfgroßes Stück Stoff mit Federn aus meiner Daunenjacke. Ich flüchtete auf den Friedhof, wo mir dann ein älterliches Mütterlein das langersehnte Taschentuch in die Hand drückte. Ich war ihr so dankbar, daß ich es nicht in Worte fassen konnte und sie nur mit offenem Mund und triefender Nase (die Fäden zogen sich von der Nase zur Hand) anstarrte und erst nach einer geschlagenen Minute das Taschentuch zur Verwendung kommen ließ. Sowieso sind diese Stunden in der Kirche das Langweiligste, was einem passieren kann: Lustige Taschenbücher sind sogar verboten und werden eingesackt, und man hat nichts anderes zu tun, als alle paar Sekunden auf die Uhr zu gucken und den Sekundenzeiger ob seiner arschruhigen Langsamkeit zu bewundern. Die Kirche ist in meinen Augen ein zu kommerzieller Verein, als daß man sich tatsächlich ernsthaft damit beschäftigen könnte. Immerhin steht irgendwo in der Bibel, zumindest meiner nonbibelfesten Meinung nach, daß man wo auch immer man ist, zu seinem Gott beten kann, und dazu keinesfalls ein Gotteshaus im Werte von ein paar Millionen Steuermücken braucht. Immerhin übergab Gott Mose die zehn Gebote auf einem Berg und nicht im Vatikanstaat, oder? Ich möchte auch nicht wissen, was der Papst verdient, nur weil er an Gott glaubt - reist er doch laufend durch die Weltgeschichte und hat überall in der Sonne seine Ferienhäuser. Nach diesem kommerziellen Motto ist aber auch der Konfirmandenunterricht gestrickt: Geh ein, zwei Jahre hin und du bekommst ein paar hundert Mark dafür. Ist doch so: Ein paar Tage nach der Konfirmation treffen sich nochmal alle zur gemeinsamen Lagebesprechung und wägen ab, wieviel Geld man hätte bekommen können, wieviel man hätte bekommen müssen, wieviel man tatsächlich bekommen hat, wie weit entfernt man sich vom Durchschnitt aufhält und wieviel die anderen bekommen haben, wer am meisten bekommen hat und wer am wenigsten. Und dann ist man enttäuscht, da man sich noch unter dem Durchschnitt befindet und die Ausbeute diese zwei Jahre nicht rechtfertigt. Man kann sich ganz einfach ausrechnen, wieviel man hätte bekommen können: Erstmal muß man (oder mußte ich zumindest) zwei Jahre lang jeden zweiten Sonntag zur Kirche gehen - macht 58 mal eine Stunde, also 58 Stunden. Dann geht man jeden Mittwoch für zwei Stunden zum Konfirmandenunterricht - macht 116 mal zwei Stunden, also 232 Stunden. Zu diesen 232 Stunden rechnet man die 58 Stunden noch hinzu, macht 290 Stunden, die man für seine Konfirmation aufwendet. Wer ganz pedantisch sein will, muß noch die knap-pen sechs Stunden Feiern mit der Familie und die letzte Stunde Kirche, nämlich die, in der man konfirmiert wird, hinzurechnen, macht also knapp 7 Stunden plus 290 Stunden, gleich 297 Stunden. Jetzt muß man sich umhören, wieviel man in einem zweitklassigen Ferienjob pro Stunde Arbeitsaufwand verdient. Das wären durchschnittlich etwa 10 Mark. Also rechnet man die 297 aufgewendeten Stunden mal zehn Mark und erhält 2970 Mark. Somit müßte man, wenn man sich nicht verrechnet hat, zu seiner Konfirmation insgesamt 2970 DM oder 1490,22 Euro allein an Geldgeschenken bekommen. Jedoch Verwandte sind clever und geizig - aber wer wußte das noch nicht? Sie schenken einem unbrauchbare Alltagsgegenstände, von denen man sowieso genug im Schrank hat: Bibeln (in die man halbherzig eine Widmung geschrieben hat, nachdem die Umstehenden eben jenen Verwandten dazu gezwungen haben), Aussteuergegenstände wie Gläser, Geschirr oder ein paar häßliche Bilder für die Wand, ein abgegriffeltes Fünfmarkstück für die nonexistente Münzsammlung oder einen neuen Füller für die Schule. Zweckmäßige Gegenstände haben nämlich die Unart an sich, daß sie nicht viel kosten und man sie nicht gebrauchen kann. So können die Verwandten auf ihre ureigene knauserige Verschrobenheit den materiellen Durchschnittswert des Geschenkepotpourris in die Knie zwingen und einem keine Peinlichkeit ersparen, nach dem Motto: "Waaaas? Du hast ja noch weniger als dieser asoziale Dummkopf gekriegt..." Nach der Konfirmation kann man dann jedoch sagen, daß man im Sinne der Kirche ein voll-wertiger Mann ist und Alkohol trinken darf (eine Irrlehre, mit der man die Jugendlichen zum Kofirmandenunterricht locken will, wie die alte Hexe Hänsel und Gretel). Das einzige was man darf, ist: Weiterhin zu Hause wohnen und seine Füße unter den elterlichen Tisch stellen und Kirchensteuer bezahlen, wo man doch ohnehin nicht hingeht, weil einem der Verein zu konservativ und zu kommerziell ist. Imbezill, hm?
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Stand:
6 | 6 | 0 - Kunstschule miraculum - miraculum@aurich.de
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