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Diesen Artikel widme ich den Mädchen in diesem Land. Diesen unwissenden Geschöpfen die teilweise nicht einmal erahnen können, welch schreckliche Ereignisse über einem Mann von einem Tag auf den anderen hereinbrechen können und sein ganze Leben verändern kann. Sie beschweren sich immer, daß sie diejenigen sind, die die Kinder kriegen müssen. Aber was ist das schon im Vergleich zu einem traumatischen Erlebnis, das sie ein ganze Leben nicht mehr los werden. Manch einem erscheint heute noch die kalte Hand im Traum (viele wissen jetzt sicherlich was ich meine, für die anderen geh ich später noch mal drauf ein) und wacht schweißgebadet auf. Alles beginnt im unschuldigen Alter von 17/18 Jahren. Ein Brief flattert ins Haus der aus unschuldigen Jungen schlagartig kaltblütige, unberechenbare, gefühlskalte Männer macht. Erst kann man die Musterung noch künstlich hinauszögern mittels Schulbescheinigung ("ich geh voraussichtlich noch bis 1999 zur Schule"), doch dann ist auch der letzte Strohhalm an dem man sich festhalten könnte, vergriffen. Ohne gefragt zu werden, wird man einer Personenkennziffer zugeteilt, in eine Schublade einsortiert und mit einem Musterungsbescheid beglückt. Tag X ist also festgelegt. Verängstigt von den ungewissen Dingen die mir bevorstehen betrete ich also das Kreiswehrersatzamt. Hinter einem kleinen Vorflur eröffnet sich vor mir ein riesiger Raum in dem scheinbar alle Treppen und Flure zusammenlaufen. Einige Menschen stehen herum und noch bevor ich nach einem Musterungsbeamten fragen kann, zeigen alle synchron auf eine Tür mit dem Kommentar:"Da warten!" In einem kleinen Zimmer harre ich also der Dinge, die da kommen werden. Auf einem Tisch liegen zahlreiche Zeitschriften der "tollen Truppe" herum. Plötzlich spricht mich eine Person hinter mir mit Namen an und fordert mich auf, ihr in ein kleines Büro zu folgen. Unmißverständlich wird mir hier klar gemacht, daß sie wirklich jeden nehmen, den sie kriegen können. Das heißt alle Tricks, wie: literweise Kaffeetrinken, um Herzrasen zu bekommen, Pickel über der Urinprobe ausdrücken (Eiter im Urin) oder einen auf taub machen, sind zwecklos. Ich bekomme einen sogenannten Lauf-Zettel in die Hand gedrückt und werde in einen Umkleideraum gesteckt. Hier treffe ich einige Mitleidende. Verstört blicken einige Löcher in die Decke oder blättern wahllos in einigen Zeitschriften der "tollen Truppe" und ich frage mich, warum diese nicht schon gleich beim ersten Gespräch T5 bekommen haben. Aber dann rufe ich mir die Worte des Musterungsbeamten ins Gedächtnis: "Wir nehmen alles!" Diese Worte pochen in meinem Kopf und scheinen immer stärker zu werden, während ich meine Sportbekleidung anziehe. Plötzlich springt die Tür auf und meine Personenkennziffer wird genannt. Ich werde von einer Frau zur ärztlichen Untersuchung in ein kleines Zimmer geführt, in dem eine Waage und eine Meßlatte steht. Nachdem sie alle meine Maße aufgenommen hatte, weist sie zu einer Tür die in einen Nebenraum führt. Mit einem charmanten Lächeln drückt sie mir einen Becher in die Hand und schiebt mich mit der Hand in den Nebenraum. Urinprobe ist angesagt! Und dabei war ich erst zuhause! Nachdem ich aber letztendlich doch den Becher etwa halbvoll bekommen habe, gab sich die Ärztin zufrieden. Das war also die ärztliche Untersuchung. Doch anstatt mich nach Hause zu schicken, läßt man mich wieder im Umkleideraum warten. Und plötzlich weiß ich auch warum. Ein Herumsitzender klärt mich auf, daß das bisher die Vorwehen der ärztlichen Untersuchung waren und das die Hauptuntersuchung noch bevorstehe. Und er sollte recht behalten. Wieder werde ich aufgefordert mit Laufzettel in einen diesmal größeren Untersuchungsraum zu folgen. Eine Frau in den mittleren Jahren sitzt hinter einem Schreibtisch und lächelt. Sie erklärt mir, daß sie jetzt meine Hörfähigkeit untersuchen werde und drückt mir einen Knopf in die Hand und einen Kopfhörer auf den Kopf. Wenn ich was höre, soll ich also drücken. Für einen Moment überlege ich, ob ich einfach gar nicht drücke, um T5 wegen Schwerhörigkeit zu bekommen, doch dann war da wieder diese Stimme, die in meinem Kopf pulsiert: "Wir nehmen alles!" Also drücke ich ein paar mal wahllos auf den Knopf und die Frau ist begeistert. Dann betritt eine weitaus ältere Frau den Raum. Lächelt und bittet mich, mich frei zu machen. Zögernd entblättere ich mich also bis auf ein letztes schützendes Utensil. Und damit ist der Bann gebrochen. Die Ältere begutachtet mich mit einem schiefen Blick und überschlägt sich plötzlich an Fachausdrücken, zählt alle möglichen Wörter auf, die ihr zu meinem Körper in den Sinn kommen. Als sich ihr Redeschwall etwas beruhigt hat, macht sie eine auffordernde Geste die letzte schützende Hülle fallen zu lassen. Und ab diesem Augenblick scheint die Zeit still zu stehen. Mein Herz pocht bedenklich unregelmäßig und wieder hämmert es dumpf in meinem Kopf: "Wir nehmen alles!" Ich schließ die Augen und hoffe, daß alles nur ein Traum ist. Doch dann greift die Hand zu.
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Stand:
6 | 6 | 0 - Kunstschule miraculum - miraculum@aurich.de
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