Harry Potter Superstar

 

12:30, in einem Wartezimmer einer Zahnarztpraxis in Aurich: Mindestens zwei der wartenden Patienten lesen Harry Potter.
16:17, in einem Bus der Kreisbahn Aurich: Eine Mutter liest ihrem kleinen Kind Harry Potter vor.
4:45, mitten in Aurich liegt ein kleiner Junge im Bett, zahllose Coladosen und Kaffeetassen neben sich, auf den letzten Seiten des vor ein paar Stunden angefangenen Harry-Potter-Bandes.
9:05, an der IGS Aurich-West, mitten im Unterricht muss eine Lehrerin nicht das erste Harry-Potter-Buch einsam-meln wegen unerlaubten Lesens während des Unter-richts.
17:00 im Kunstpavillon am Ellerfeld (Aufsicht): Ich selber hocke auf einem weißen Lederstuhl und lese genüsslich Harry Potter.

Warum? Warum lesen so viele Leute, die dem Kinderbuchalter doch schon längst entwachsen sind, und die auch mit Magie und so sonst eher wenig am Hut haben, diese Bücher? Nur wegen des großen Trara, welches im Moment um die schottische Autorin Joanne K. Rowling veranstaltet wird? Oder ist da doch was dran, an der angeblichen Genialität der Geschichten?
Ich selber habe mir diese Frage des öftöfteren gestellt. Irgendwie kam Harry Potter ja schwer in Mode. Pah, dachte ich mir, Kinder-bücher! Über Hexen und Zauberer, und einen elfjährigen Jungen! Dann kam meine Mama (Danke übrigens!) am ersten Tag der Sommerfe-rien mit Band eins an. Auf englisch. “Ich dachte, das gefällt dir.“ Okay, nichts anderes zu tun, kann man ja mal lesen, damit man endlich mitreden kann. Aber schon nach den ersten Seiten mochte ich überhaupt nicht mehr aufhören. Innerhalb eines Tages war der erste Band durch und die nächsten mussten herrangeschafft werden. So begann meine “Harry-Karriere”.
Inzwischen besitze ich fast alle Bände auf Englisch und auf Deutsch und habe einige auch schon mehr als einmal gelesen. Nicht nur in den Pausen ist Harry eines DER Gesprächsthemen in der Schule und es wird darüber diskutiert, ob nun im nächsten Band (Nr. 5) der böse Voldemort endlich verschwindet oder nicht oder ob Harry seine “große Liebe“ Cho endlich erobern wird...

Der Grund, warum auch Leute, die gegenüber solchen komischen Kindermärchen mit Hexen und Zauberern und so eher negativ eingestellt sind, früher oder später eines dieser Bücher lesen und es auch nicht kindisch, albern oder spinnert finden, ist, glaube ich, Kate Rowlings Schreibstil.
Die Geschichten, die sie erfindet, sind so komplex und fantasievoll, dass kleine Details, denen man gar keine Bedeutung zumisst, dann doch total wichtig werden. Außerdem sind die Bücher vom ersten bis zum letzten (es werden insgesamt sieben sein, denn so viele Schuljahre gibt es an der Hogwarts School of Witchcraft and Wizardry) durchgeplant, so dass Personen, die am Anfang des ersten Bandes erscheinen, dann auf einmal in einem anderen Band die Hauptrolle spielen. Besonders einfallsreich sind die Namen, die voller Wortspiele und ungeahnten Bedeutungen stecken, so dass man fast den Charakter einer Person erfährt, wenn man nur den (Originalausgaben-)Namen richtig analysiert (wem das zuviel rumgetüddel mit dicken englischen Wörterbüchern und Lexika ist, der besuche am besten die “Harry-Potter-Kiste“: www.geocities.com/morgenglanz/hp/ )

Harry Potter Fanclubs und Websites schießen derzeit wie Pilze aus dem Boden, an Martini traf man an jeder Ecke einen etwas anders aussehenden Harry oder Ron oder Hermine, begleitet von Mami oder Papi, Scharen von Süchtigen stehen um sieben Uhr dreizehn an den Buchhandlungen an, um einen der ersten Harry-Potter-Bände zu erstehen. Die Hysterie ist unglaublich und auch ziemlich übertrieben, wie ich finde. Harry Potter, eigentlich nur ein harmloses Kinderbuch, wird vermarktet wie nicht besseres. Harry Potter Filme, Harry Potter Videos, bald wird es wahrscheinlich auch Harry Potter Videospiele und Harry Potter Barbiepuppen geben (“mit echtem Zauberstab ,der echte Funken sprüht! Und Baby-Einhorn für nun 29,90 bei Tchibo! Von Mattel!“), wenn Warner Bros. erst mal die erstandenen Merchandising-Rechte anwendet.

Leider kann es, wenn man die Figur weltweit vermarkten will, auch nur einen Einheits-Harry geben. Die vielen verschiedenen, liebevoll gezeichneten Harrys der einzelnen Verlage, die alle ihre eigenen Zeichner beschäftigen, werden dann wohl keine Zukunft mehr haben. Der Einheits-Harry wird schätzungsweise der amerikanische sein, und gerade der ist, so finde ich, nicht besonders hübsch.
Alles in allem wird im Moment alles über-trieben, mit Harry-Potter-Demos in Berlin (“Harry for President“), Harry-Potter-Tagen, Harry-Potter-Computerspielen, Tausenden von Harry-Potter-Fanclubs, und demnächst dann auch noch mit dem Film und natürlich offiziellem Merchandising (allein schon das Wort!).
Außerdem ist es doch gerade der Reiz des Lesens, dass jeder sich seine Figur anders vorstellt und keine zwei Figuren gleich sind, da jede nur im Kopf des Lesers besteht. Filme zerstören diese Unikate und fast jeder korrigiert seine Vorstellung nach dem Vorbild des Films. Auch kann man sich nicht so gut in die Handlung hineinversetzen, und die Perspektive ist durch die Ka-meraeinstellung bestimmt. Man kann nicht eben aufhören zu lesen, um über etwas nachzudenken, nicht eben einen Absatz erneut lesen oder sich bei besonders schönen Stellen ein Eselsohr in die Seite knicken. Und wenn die Handlung der zwischen 332 und 767 Seiten umfassenden Romane in einen Spielfilm von ca. 90 bis 120 Minuten Länge gequetscht werden soll, dann müssen wohl einige Details gestrichen oder erheblich gekürzt werden, dabei sind doch gerade die Details das, was die Bücher zu solch einem Genuss macht, was einen mitfiebern und erleichtert seufzen, lachen und flennen oder vor Freude hüpfen lässt.

Joanne K. Rowlings (verdienter) Erfolg ist eindeutig ihrem genialen, wenn auch nicht ganz neuen, Konzept (und natürlich ihren fähigen Vermarkter/innen und der Mund zu Mund Propaganda) zu verdanken: Ein kleiner, dünner Junge, ein totaler Loser, dauernd gequält, ohne Freunde, sich unverstanden fühlend (mit Recht...) wacht eines Mor-gens auf und wird von einem geheimnis-vollen Fremden in eine völlig andere Welt “mitgenommen”, in der er berühmt ist, die besten Freunde hat, die man sich vorstellen kann, wo er geachtet wird und wo er nicht wie ein widerwärtiger Parasit behandelt wird, denn an Hogwarts, der Schule für Hexerei und Zauberei sind alle so “unnormal” wie er. Wer, welches Kind, welcher Jugendliche, und sogar welcher Erwachsene träumt nicht manchmal von einer solchen, viel angenehmeren und schöneren, von einer heilen Welt?

von Merret