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Das Deutschland am Rande eines neuen Jahrtausends kam den Produzenten dabei zugute: Eine Gesellschaft, die das Wort Privatsphäre im Duden nachschla-gen muss, eine Zeit in der man Taktlosigkeit klein schreibt, die Toleranzgrenze irgendwo in himmlischen Sphären schwebt und in der Primitivlinge wie Anton aus Tirol einen Welthit landen können. Kurz: Eine Zeit, in der die Evolution rückläufig ist, der Mensch sich wieder zum Affen entwickelt. Und der sensationshungrige Homo Sapiens (der diesen Titel wohl zu Unrecht trägt) stürzt sich begierig auf den Wohncontainer. Man will einfach Anteil nehmen an dem Privatleben der anderen, will die dreckigen Geheimnisse der wehrlosen Eingesperrten bis ins kleinste Detail an die Öffentlichkeit fördern, ausdisku-tieren, breittreten, Lücken mit Halbwahrheit füllen und ab und zu noch einen Blick auf die prallen Möpse einer „Big Sister Sabrina“ erhaschen. Big Brother machte das Lästern hoffähig, man darf jetzt offen reden über Manu und Jürgen und Zladdi, das Brain, der den Unterschied zwischen Homo und Hetero nicht kennt. Ach, was haben wir gelacht, als Spatzenhirn Zlatko sich als Unwissender in Sachen Shakespeare outete. Wie toll finden wir es, Macht über das Leben anderer zu haben, Menschen, die wir nicht mögen, durch ein Telefonat aus unserem Leben zu schmeißen. Die Sendung mit dem Wohncontainer ist keine Unterhaltung mit Niveau, es ist mehr eine Abendfüllung der Sorte „seichte Berieselung“: Man muss sich nicht anstrengen, um etwaige komplexe Zusammenhänge zu verstehen, sondern es geht einfach nur um das träge dahin fließende Leben irgendwelcher Idioten, die in einer hochtechnisierten Welt mal ganz auf sich gestellt sind, sich mit sich selber beschäf-tigen und miteinander auskommen müssen. Fernsehen muss heute nicht mehr unterhalten, es muss einfach von der Tatsache ablenken, dass man selber auch ein Privatleben hat. Interessant ist Big Brother höchstens für den sich weiterbilden wollenden Menschenkenner, der hier den neuen Chic der Oberflächlichkeit und eine vor einer Million Jahren zum letzten Mal da gewesene Primitivität am inhaftierten Halbaffen beobachten kann. Das primitive Balzverhalten von Alex, Kerstin, die ihm im grünen Halbdunkel einen runterholt und Menschen vor den Fernsehern, die sich ob einer solchen alltäglichen Szene totlachen oder die Hand vor den Mund schlagen und scharf ein- und ausatmen. Meiner Meinung nach sitzen die Menschen, über die sich zu lästern wirklich lohnen würde, nicht im, sondern vor dem Fernseher. Die Menschen nämlich, die sich an der Menschlichkeit anderer aufgeilen. Fin! |
von Wolle
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