Wenn Du es zu Hause nicht mehr aushältst!
...zum Beispiel Sascha
von Sabrina

Saschas Geschichte begann vor ca. 17 Jahren. Damals wurde er im Alter von 18 Monaten von seinen leiblichen Eltern ins Heim gegeben. Dann, so etwa mit 2 Jahren, nahm ihn eine Pflegefamilie auf, die ihn später auch adoptierte. Er lebte ungefähr 14 Jahre bei seiner Pflegefamilie, bis er mit seinen Adoptiveltern nicht mehr auskam. Danach ist er zur Jungendschutzstelle nach Marienhafe gekommen, bis man einen Platz für ihn in einer Jugendwohngemeinschaft (JWG) gefunden hat. Dort lebt er jetzt seit einem Jahr und wie er gesagt hat, gefällt es ihm ganz gut in der JWG.

Eigentlich ist das Leben jetzt nicht anders als bei seinen Eltern, außer dass man mehr Regeln befolgen und vielleicht ein wenig mehr Arbeit verrichten muss, wie zum Beispiel: Kochdienst, Putzdienst und Sonderdienste. Eine JWG ist nicht zu vergleichen mit dem „Leinerstift“, was leider oft passiert. Im “Leinerstift” leben Jugendliche, die eine kriminelle Vergangenheit hatten, drogenabhängig oder suizidgefährdet waren / sind. In einer JWG leben Jugendliche die “nur“ Probleme mit ihren Eltern hatten oder Ähnliches. Entweder sind sie freiwillig in die WG gekommen oder sie mussten dort zwangsweise einziehen. In jedem Zimmer gibt es eine Grundausstattung mit einem Bett, Schrank, Schreibtisch und einem Stuhl.

VENTIL: Was hältst du persönlich von der JWG in Aurich-Walle? Sascha: “Da du mit den Leuten unter einem Dach lebst, musst du mit den Leuten klar kommen. Es kann manchmal echt spaßig sein. Aber es sind mehr positive als negative Erfahrungen, die man in der WG macht. VENTIL: “Was ist, wenn du mal deine Ruhe haben möchtest? Ich stelle mir das schwierig vor, wenn man mit 10 Leuten das Haus teilen muss“. Sascha: “So schwierig ist das gar nicht! Man braucht nur zu sagen das man seine Ruhe haben will, dann geht das auch“. VENTIL: “Wie geht ihr in der WG miteinander um“? Sascha: “Das hängt ganz von den Leuten ab. Mal so, mal so. Mal verhalten wir uns überhaupt nicht wie eine Gemeinschaft, weil jeder für sich ist und es manchmal Feindseligkeiten unter uns gibt. Aber die sind dann auch schnell wieder vergessen“. 
In der JWG in Aurich-Walle leben zur Zeit 9 Jugendliche (Jungen wie auch Mädchen) im Alter von 14-17 Jahren, die von 6 Sozialpädagogen (plus 1 Aushilfe und 1Pratikantin) betreut werden. Die Betreuer sollen für Recht und Ordnung sorgen und als Ansprechpartner jeder Zeit bereit zu stehen. Die 6 Sozialpädagogen lösen sich jeden Tag ab, jeden Tag ein anderer Betreuer. Jeder von ihnen führt eine Liste, über jeden der in der JWG lebt. Sie schreiben auf, was eine Person gemacht oder nicht gemacht hat. Wenn jemand etwas nicht getan hat, so wie den Putzdienst vergessen, gibt es 5 Mark Taschengeld-Abzug oder einen Dienst mehr. Zwischen den Betreuern gibt es für jeden einen Bezugsbetreuer, der für spezielle Probleme da ist und zusätzlich bei Jugendamtsbesuchen dabei ist. Außerdem achten sie darauf, dass die Jugendlichen regelmäßig zur Schule gehen und ihre Dienste im Haushalt erledigen. 
Wer in der JWG regelmäßig zur Schule geht, wird dafür belohnt. Dafür bekommen die Jugendlichen 10 Mark wöchentlich zum Taschengeld hinzu. Wiederum werden ihnen 10 Mark abgezogen, wenn sie der Schule fern bleiben. Einmal wöchentlich gibt es eine Organisationssitzung und eine WG-Sitzung. In der Organisationssitzung werden An- und Abmeldungen besprochen. Wenn zum Beispiel ein Freund oder Freundin dort schlafen möchte, muss das angemeldet werden. Angemeldet werden muss es auch, wenn einer der Jugendlichen wo anders schlafen möchte. Außerdem werden die Einteilungen von Koch-, Weck-, Putz- Sonder- und Frühstücksdienste festgelegt. In der WG-Sitzung werden Probleme innerhalb der WG besprochen und Beschwerden abgegeben. Bleibt man einer dieser Sitzungen fern wird 35 Mark pro Sitzung vom Taschengeld abgezogen. Ausgangszeiten haben die Jugendliche, Montag - Donnerstag bis 22 Uhr, Freitag - Samstag bis 0.30 Uhr, sonntags bis 10 Uhr (das gilt für die ab 16 Jahren, sonst je nach Alter). Wenn sie nicht pünktlich zu Hause erscheinen gibt den nächsten Tag Ausgangssperre. Bei Wiederholungen kann sich dann die Ausgangssperre natürlich erweitern. Die Ruhezeiten beginnen um 22Uhr und um 23 Uhr müssen alle auf ihren Zimmern sein.

VENTIL: “Was würdest du an der WG ändern, wenn du könntest“? Sascha: “Die Ausgangszeiten!!!! Die Ausgangszeiten bei uns sind viel zu kurz. Andere Freunde in meinen Alter dürfen manchmal doppelt so lange weg wie ich. Das ist Scheiße, weil man immer dann gehen muss, wenn es am geilsten ist.“

Taschengeld bekommen sie natürlich auch. Mit 17 Jahren bekommt man 105 Mark + 70Mark Kleidergeld + 20 Friseurgeld. Von den 105 Mark werden 5 Mark für die Bruchkasse abgezogen und 5 Mark Kaution. Von der Kaution werden Schäden oder Streicharbeiten finanziert. Im Falle eines Auszuges erhält man die über gebliebene Summe ausgezahlt. Freizeitaktivitäten innerhalb der JWG gibt es natürlich auch. Beispielsweise zusammen “Bohlen” gehen oder ins Kino. In den Sommerferien fährt die JWG regelmäßig in den Urlaub, wie in diesem Jahr nach Ungarn.

VENTIL: “Wie feiert ihr eigentlich Weihnachten in der WG“? Sascha: “Ganz normal. Es gibt erst ein Weihnachtsessen, dann müssen wir den Tisch abdecken. Währenddessen bereiten die Sozialpädagogen die Geschenke im WG-Zimmer vor. Dann rufen sie uns, wir singen dann noch ein oder zwei Lieder und dann sind die Geschenke dran“. VENTIL: “Was kommt für dich nach der JWG“? Sascha: “Nach der WG gehe ich in eine sogenannte Außenwohnung (AW). Dort kann ich dann sehen, ob ich auch mit weniger Betreuung zurechtkomme. Wenn das gelingt, läuft das ca.6-12 Monate auf Probe - und mit 18 bin ich dann endlich selbst für mich verantwortlich.“