Freiwillig in's Heim?
In dieser Geschichte wird beschrieben, wieso es manchmal besser ist, von zu Hause auszuziehen, wenn es mit den Eltern nicht mehr klappt. Diese Geschichte ist nur ein kleiner Teil aus meinem Leben und beruht auf wahren Begebenheiten. Sie handelt davon, wie ich mit 15 Jahren von zu Hause auszog und freiwillig ins Heim ging, um ein neues, besseres Leben zu beginnen.
Es begann alles vor ca. 12 Jahren, zwischen meinem 12ten und 13ten Lebensjahr. Ich lebte mit meiner
allein erziehenden Mutter (mein Vater ist Italiener, deshalb wurde ihm der Kontakt zu mir verwehrt) in einer kleinen Stadt in der Nähe von Bremen. Ich führte bis dahin ein ziemlich lockeres und freies Leben und konnte eigentlich tun und lassen was und wie ich es wollte. Ich genoss Freiheiten, welche meinem Alter entsprechend wirklich großzügig waren und worum mich meine Altersgenossen beneideten. So durfte ich z.B. nachts so lange wegbleiben, wie ich wollte - solange ich am nächsten Morgen vorm Frühstück wieder daheim war. Ebenso faszinierend war die Höhe meines Taschengeldes; bekam ich mit meinen 12 Lenzen doch schon 50 DM im Monat.
Auch was meine politische Einstellung anging (ich gehörte jener Zeit der rechtsradikalen Skinheadscene an), ließ meine Mutter mir freie Hand. Selbst als die Eltern meiner Klassenkameraden eine Klassenkonferenz wegen meiner Frisur einberufen hatten (ich hatte mir rechtsradikale Symbole in die Glatze rasiert), hielt meine Mum voll und ganz zu mir.
Problematisch wurde es erst, wenn meine Mum schlecht gelaunt war. Dann war’s vorbei mit gut Kirschen essen. Jedes noch so kleine Problem wurde auf einmal zum Anlass für meine Mutter, die Beherrschung zu verlieren.
Teilweise gingen ihre Bestrafungen soweit, dass es mir manchmal nicht möglich war am Schulunterricht teilzunehmen, da sie mich regelrecht grün und blau geprügelt hatte.
Auch verstand sie es gut einen psychisch
so fertigzumachen, das man heftigst in Tränen ausbrach. Dieser Zustand sollte sich leider erst mit meinem 15ten Lebensjahr ändern, als die Situation zwischen mir und meiner Mutter mal wieder zu eskalieren drohte.
Als es wieder mal wegen einer Kleinigkeit zum Streit kam und meine Mum mit einem Ledergürtel auf mich losging, wehrte ich mich, und trat ihr direkt unters Kinn. Dieser Reflex sollte sich als verheerender Fehler meinerseits herausstellen. Meine Mum ergriff mich daraufhin an meinen Haaren und stieß mich mehrfach mit dem Kopf gegen meinen Kleiderschrank, bis ich leicht benommen zu Boden sank. Damit aber noch nicht genug. Als ich dann auf dem Boden lag, fing Sie auch noch an mir mehrfach in den Bauch zu treten, woraufhin ich mich vor Schmerzen krümmte. Das reichte aber anscheinend immer noch nicht. Sie ging nach unten und kam kurz darauf mit einem Holzkleiderbügel und einer massiven Kleiderbürste wieder in mein Zimmer und fing an wie wild auf mich einzuschlagen. Als Sie mir dann auch noch mit der Kleiderbürste vor den Kehlkopf geschlagen hatte, wodurch ich einige Sekunden keine Luft mehr bekam, stand für mich fest, von zu Hause auszuziehen.
Bis zu diesem Zeitpunkt war ich schon 4 mal von zu Hause abgehauen (immer für mehrere Wochen) und hatte auch schon einen Suizidversuch hinter mir. Auch hatte ich mich schon mit dem Jugendamt in Verbindung gesetzt und um einen Platz in einem Jugendheim gebeten. Da das Jugendamt jedoch der Meinung war, dass es mir zu Hause doch eigentlich recht gut ging, wurde meine Bitte vorerst abgelehnt. Erst als ich zum 5ten Mal fortlief und meine Mutter vor die Wahl stellte, mich entweder ins Heim zu geben,- oder mich nie wieder lebend zu sehen, begriff auch das Jugendamt die Ernsthaftigkeit meiner aussichtslosen Lage.
Montag, der Tag an dem ich von zu Hause auszog.
Wie mit dem Jugendamt abgesprochen, traf ich mich mit meiner Sozialpädagogin um Punkt 14.00 Uhr vor dem Haus meiner Eltern (bzw. meines Stiefvaters). Alles für meinen Umzug ins Jugendheim Johannesburg bei Papenburg war schon vorbereitet und gepackt. Vor meinem Umzug hatte ich bereits ein halbes Jahr BGJ-Bau hinter mir, welches ich in Papenburg fortführte und, genau wie meine darauf folgende 2jährige Maurerlehre, auch erfolgreich absolvierte.
Im Heim herrschten natürlich ganz andere Gesetze, als zu Hause bei den Eltern. So mußten wir morgens pünktlich um 7.00 Uhr am Frühstückstisch erscheinen, denn wer zu spät kam, der durfte Strafdienste schieben.
Ein typischer Tagesablauf sah etwa so aus:
8.00 Uhr: Arbeitsanfang in einer der über 30 Ausbildungswerkstätten
17.00 Uhr: Feierabend
18.00 Uhr: Abendbrot
19.00 Uhr: Zimmerdienst
19.30 Uhr: Freizeit
22.00 Uhr: Bettruhe
Es gab sogar Spindkontrollen, d.h. bei einem unordentlichen Spind, gab es kein Taschengeld oder sogar Ausgangssperre. Ist man während der gegebenen Ausgangszeiten zu spät gekommen, bekam man ebenfalls Ausgangssperre (teilweise nur einen Tag, teilweise aber auch bis zu einem Monat).
Heute, knapp 10 Jahre nach meinen negativen Erfahrungen mit meiner Mutter, ist das Verhältnis zwischen uns beiden besser denn je. Viele ihrer damaligen heftigen Überreaktionen kann ich heute besser verstehen, da ich die damaligen Umstände mit ganz anderen Augen sehe. Da meine Mutter allein erziehend war, konnte sie zB. nie ihren angestrebten Schulabschluss, sowie ihre angebrochene Lehre zu Ende führen. Hinzu kamen dann auch noch unsere schlechte Finanzlage, als auch die Drogenprobleme meiner Mutter. Ich denke, dass meine Mutter mit allem leichter fertig geworden wäre, wenn mein Vater mich mit erzogen hätte. Auch denke ich im nachhinein, dass es für meine persönliche Entwicklung besser war, ins Heim zu gehen, da man dort doch besser als zu Hause auf das wahre Leben vorbereitet wird.
So möchte ich jedem raten, wer zu Hause mit den Eltern überhaupt nicht mehr zurecht kommt, geht euren eigenen Weg, welcher für euch am besten erscheint.
So können Jugendheime schon von Vorteil sein, auch wenn es nicht immer so scheint. Für die individuelle Entwicklung eines jeden ist es wichtig, seine persönliche Meinung und Ansicht vertreten zu können, egal, ob es den Eltern gefällt oder nicht.
Mittlerweile besuche ich die BBS in Leer und mache meine Fachhochschulreife im Bereich Gestaltung, um dann in zwei Jahren Design studieren zu können. Daneben besuche ich 4 Tage in der Woche die Kunstschule in Aurich, in der ich ein einjähriges Praktikum absolviere. Ziel für meine Zukunft ist es, mich mit Hilfe meines Studiums irgendwann in ein paar Jahren selbstständig machen zu können.