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VENTIL, Nr. 4
erschienen

Juni 1998

Titelthema:
trends

Man fühlt wofür man zahlt

Manchmal ja, aber Überfiüssiges ist Freiheit. Was jetzt nicht notwendig ist, kann der Beginn von etwas Neuem sein. Außerdem geht es um körperliche Signale, um Sex und darum, gut auszusehen. Wie wahr. Diese Worte, gesprochen von Modemacher Helmut Lang, muß sich jeder eingestehen, der beim Thema TRENDS auf einmal in demonstrative politische Korrektheit verfällt: "Mode? Nee, das ist was für Bonzen. Ich achte nicht so auf das Äußere, auf die inneren Werte kommt es an. Äh, die Carhartt-Hose trage ich nur, weil sie so bequem ist. Ich lasse mir doch nicht von irgendwelchen Designern (Tonfall wie beim Wort "Kinderschänder") vorschreiben, was ich anzuziehen habe." Man merkt, die größte Angst hierzulande besteht darin, für einen Markenfetischisten gehalten zu werden. Je auffallender und exquisiter das Label, desto teurer das Stück, desto reicher der Besitzer. Und Reichtum bedeutet zwangsweise Oberflächlichkeit/Arroganz. Etwas aufgeschlossener ist man, wenn es sich um einfach aufzutreibende Dinge wie z.B. Perlenketten handelt. Dann ist es egal, wer wem was nachmacht oder vorschreibt, Hauptsache, es sieht gut aus (s.o.).

Ein weiterer kontroverser Punkt im Bereich Mode ist die Präsenz etwas überdurchschnittlich gut aussehender Models: Kate Moss zum Beispiel ist ja relativ dünn. Grund genug, sie dafür verantwortlich zu machen, wenn pubertäre Mädchen magersüchtig werden, noch dazu, da sie auch etwas Geld mit ihrem Aussehen verdient. Täglich erreichen zig vorwurfsvolle Leserbriefe mit Appellen wie "Bringt doch mal normale Typen" die Redaktionen von Modezeitschriften. Rundere Models sind ebenfalls böse, zumindest in den Augen der Magersüchtigen. Aber wer wurde denn schon freiwillig stinknormal-häßliche Modefotos mit eben solchen Models angucken?

Über Mode läßt sich also streiten. Trotzdem macht jeder auf die eine oder andere Weise mit. Erstens, um von Zeit zu Zeit etwas Veränderung in sein Leben zu bringen; zweitens, um durch den Kauf eines Markenartikels zu einer bestimmten Gruppe zu gehören und etwas vom Image eben dieser Marke auf sich übertragen zu können. Trends sind Träume. Oft beginnt es mit dem Kauf einer Levi' s 501: war man vorher noch ein intakter, sorgloser Teeenager, dessen Kleidung von der Mutter nach deren unnachvollziehbaren Kriterien

( Haltbarkeit, Stoffqualität, Einsatzmöglichkeit bei Familienfeiern...) ausgesucht wurde, so findet man sich plötzlich im Bann der Werbewelt wieder, die "Underwater Love"-Abenteuer mit glitschig-schönen Meermädchen suggeriert. Ein neues fashion victim ist geboren, das von nun an versuchen wird, sein Mithaltebedürfnis mit dem Ausdruck seiner eigenen Persönlichkeit in Einklang zu bringen..

Viele Träume und Identifikationsprozesse erstrecken sich natürlich auf eine ganze Generation, wodurch der Trend überhaupt erst zustande kommt. Kaum wollten zum Beispiel die Frauen der späten Sechziger ihr neues sexuelles Selbstbewußtsein unter Beweis stellen, liefen sie auch schon im Mini herum. Von den Hippies ganz zu schweigen.

Mode scheint also doch ihre Berechtigung zu haben. Wie sollte sich sonst das Lebensgefühl einer bestimmten Ära zu erkennen geben? Und das Lebensgefühl der Neunziger scheint nun einmal Markenbewußtsein zu beinhalten. Es gibt Schlimmeres. Wer sich jetzt fragt, ob da die Individualität nicht auf der Strecke bleibt, dem empfiehlt sich die Lektüre des Buchs "Megatrends 2000", in dem es heißt: "Das große, alles umfassende Thema am Ende des 20. Jahrhunderts ist der Triumph des Individuums. Der einzelne befindet sich jetzt in einer Lage, in der er stärker ist als je zuvor."

WOLLE